Still loving Feminism!

Schon seit längerer Zeit und vor allem momentan erleben wir, dass um (queer-)feministische Themen zwar verstärkt Auseinandersetzungen stattfinden, diese jedoch gleichzeitig auf starken Gegenwind stoßen. Sich mit Diskriminierung aufgrund von Geschlecht auseinander zu setzen, wird in unserer Gesellschaft oft als unnötig oder unwichtig angesehen, da feministische Emanzipation ein schon abgeschlossener Vorgang sei. (Queer-)feministische Positionen werden als überholt oder emotional behaftet abgetan und somit disqualifiziert. Auch sich als links definierende Kontexte sind davon nicht ausgenommen. Wir schreiben diesen Text als weiblich sozialisierte, queere Personen aus einer Betroffenenperspektive. Wir möchten uns zu der Frage positionieren, warum wir eine Auseinandersetzung mit Herrschaftsverhältnissen in Bezug auf Geschlecht und Sexualität immer noch für nötig halten. Dabei werden wir keine vollständige Analyse liefern können, da dies den Rahmen dieses Textes sprengen würde. Eher soll dies ein Denkanstoß sein und zu möglichen Diskussionen anregen.

Themen, die sich mit der Gleichstellung der Geschlechter befassen, werden oft nicht ernst genommen. Dies schlägt sich sowohl in aktuellen Forderungen etablierter Parteien nieder, als auch in Diskussionen in der Bevölkerung: Geschlechterforschung wird als Verschwendung von Steuergeldern angesehen, feministische Interventionen werden belächelt und gendern als lästig und nicht notwendig empfunden.                                             Als Begründung dafür, dass Feminismus nicht mehr benötigt werde und mittlerweile nicht mehr aktuell sei, wird oft angeführt, dass Frauen* ja beispielsweise durch Quotenregelungen, Wahlrecht usw. schon gleichgestellt seien. Sexismus und sexualisierte Gewalt seien, zumindest in Deutschland, nicht mehr so ein großes Problem. In anderen, vor allem nicht europäischen Ländern, sei es viel schlimmer. Diese Denkweisen halten wir in vielerlei Hinsicht für problematisch:

Wir denken, dass es nach wie vor wichtig ist sich mit Sexismus, der Kategorie Geschlecht und den damit verbundenen Rollenbildern in unserer Gesellschaft auseinanderzusetzen. Denn von Gleichstellung kann nicht geredet werden! Wir leben immer noch in patriachalen Strukturen, in einer Gesellschaft, die auf Männlichkeit ausgerichtet ist. Es sind immer noch viele Menschen von Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Sexualität betroffen.                                                                                                                                       Zwar gibt es Quotenregelungen, jedoch darf Feminismus nicht auf wirtschaftliche Aspekte reduziert werden (und selbst in diesem Punkt ist es schwer von Gleichstellung zu sprechen). Gesamtgesellschaftliche Probleme werden nicht gelöst indem einige (zudem meist weiße) Frauen an der Macht teilhaben dürfen. Es reicht uns nicht nur die Machtverteilung zu ändern, sondern Machtverhältnisse, Herrschaft und Konkurrenzdenken an sich müssen kritisiert werden.                                                               Die Behauptung, dass Männer* und Frauen* gleichgestellt seien, lässt außer Betracht, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt. Menschen die sich zwischen den Kategorien Mann* und Frau* oder jenseits von diesen verorten sind in dieser Denkweise nicht einbezogen. Auch im Bezug auf transexuelle, transgender und intersexuelle Personen muss Gleichstellungsarbeit geleistet werden, da diese nicht einmal auf rechtlicher Ebene gleichgestellt sind. Menschen, die sich nicht in ein Zweigeschlechtliches System einordnen können oder wollen, sind starker staatlicher Repression im Bezug auf die Anerkennung ihres Geschlechts ausgesetzt.1 Auch in der Medizin erfahren trans- und inter-Personen Diskriminierung, sowie auch in vielen Alltagssituationen z.B. durch in „Männer“ und „Frauen“ aufgeteilte Toiletten. In der deutschen Sprache sind diese Personen ebenfalls nicht repräsentiert (z.B. wird entweder die Anrede „Herr“ oder „Frau“ verwendet). Außerdem muss ebenfalls eine Gleichstellung im Bezug auf Sexualität stattfinden. Beispielsweise dürfen Homosexuelle in Deutschland nach wie vor nicht heiraten oder Kinder adoptieren, sogar vom Blutspenden werden diese ausgeschlossen.2                          Immer wieder präsentiert sich Deutschland als tolerant und fortschrittlich. Probleme werden zuerst bei anderen erkannt und zuletzt bei sich selbst. Durch die Behauptung in anderen Ländern sei die Diskriminierung aufgrund von Geschlecht ein viel größeres Problem als in Deutschland, werden Probleme nicht gelöst, sondern nur nach außen verlagert. Außerdem werden so oft rassistische Denkmuster reproduziert. Dass auch in Deutschland immer noch absolut nicht von einer gesellschaftlichen Gleichstellung im Bezug auf Geschlecht ausgegangen werden kann, zeigt sich auch durch das Projekt #aufschrei 3. Seit 2013 wird dieser Hashtag, vor allem bei Twitter, genutzt, um Erfahrungen von sexualisierter Gewalt und Alltagssexismus zu teilen und auf diese aufmerksam zu machen. Allein in den ersten zwei Wochen wurden über 58000 Tweets gepostet. Unter #aufschrei lassen sich erschreckend viele Beispiele finden warum die Gleichstellung der Geschlechter auch in Deutschland ein Thema ist, dass noch lange nicht abgehakt werden kann.                 Nicht ernst genommen werden, unterschätzt werden, belächelt werden, sich nicht vertreten oder repräsentiert zu fühlen – mit all dem werden Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind, jeden Tag konfrontiert. Dies gilt nicht nur für Sexismus, Homo- und Transphobie, sondern auch für andere Unterdrückungsmechanismen wie beispielsweise Rassismus. Auch diesen muss entgegengewirkt werden.                        Menschen, die von Diskriminierung nicht betroffen sind, ist (wohl gerade weil sie davon nicht betroffen sind) oft nicht bewusst wie viel Einfluss diese auf das alltägliche Leben und das Selbstbild einer Person haben können und wie wichtig es ist sich damit auseinanderzusetzen.

Wir denken Feminismus ist wieder und immer noch ein wichtiges Thema und wünschen uns weiterhin eine Auseinandersetzung auch in öffentlichen Diskussionen. Wir erachten feministische Errungenschaften als wichtig und erkennen an, dass dadurch die Lebensrealitäten von vielen verbessert wurden. Aber wir denken, dass man es nicht dabei belassen kann. Es ist wichtig sich mit der (De-)Konstruktion von Geschlecht und Rollenbildern auseinanderzusetzen und auch die Verstrickung zu anderen Kategorien wie z.B. Sexualität und Machtverhältnissen wie z.B. Rassismus zu analysieren, um bestehende Verhältnisse ändern zu können. Daher halten wir auch die Geschlechterforschung für unerlässlich.

 

1 Beispielsweise wird das „empfundene Geschlecht“ nur rechtlich anerkannt, wenn sich einer Operation zur Veränderung der äußeren Geschlechtsmerkmale unterzogen wurde und auch das Erscheinungsbild „angepasst“ wird. Allein für die Änderung des Vornamens müssen zwei voneinander unabhängige Gutachten vorgewiesen werden, in denen die Zugehörigkeit zum „anderen Geschlecht“, unserer Meinung nach auf fragwürdige Weise, geprüft wird.

Quelle: https://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/tsg/gesamt.pdf

2 Quelle: https://www.lsvd.de/recht/ratgeber/blutspende.html#c10478

3 (Achtung: Diese Seite kann Betroffene von Sexismus oder sexualisierter Gewalt triggern) http://aufschrei.konvergenzfehler.de

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